Samstag, 4. Juni 2011

Zu hoch


Es stört mich, dass Worte, die ausgesprochen wurden nicht zurückgenommen werden können. Vielleicht kann man sie doch zurücknehmen. Doch sind die Worte dann wirklich vergessen? Wir können nicht vergessen. Die Worte, die einmal gedacht und dann ausgesprochen wurden stehen zwischen uns. Sie stehen da, wie eine Mauer. DDR auf der einen Seite, BRD auf der anderen. Römer da, Barbaren dort. Ich hier, du da drüben.

Wird die Mauer fallen? Wann wird sie fallen? Vielleicht können wir uns solange aufstützen. Das braucht viel Kraft. Ich weiss nicht, ob ich stark genug bin. Kann ich wirklich Tag für Tag die Kraft aufwenden, um mich aufzustützen, um dich für wenige Minuten zu sehen?

Würden wir uns nicht so gut kennen, könnten wir vielleicht vergessen. Oder so tun, als ob. Die Mauer wäre tiefer, man könnte problemlos darübersteigen. Die Worte wären vergessen. Was bedeutet man sich dann noch? Nach ein paar Jahren würde man sich auseinanderleben, glaube ich.

Zwischen uns steht also diese Mauer. Wie hoch sie ist, weiss ich nicht. Weisst du, wo sie aufhört? Könnte man an einem Ende problemlos auf die andere Seite wechseln? Wie sieht es bei dir aus? Ich bin einsam.

Kommentare:

  1. Der Einsame
    Wie einer, der auf fremden Meeren fuhr,
    so bin ich bei den ewig Einheimischen;
    die vollen Tage stehn auf ihren Tischen,
    mir aber ist die Ferne voll Figur.

    In mein Gesicht reicht eine Welt herein,
    die vielleicht unbewohnt ist wie ein Mond,
    sie aber lassen kein Gefühl allein,
    und alle ihre Worte sind bewohnt.

    Die Dinge, die ich weither mit mir nahm,
    sehn selten aus, gehalten an das Ihre -:
    in ihrer großen Heimat sind sie Tiere,
    hier halten sie den Atem an vor Scham.

    Rainer Maria Rilke

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